Die mutigste Entscheidung meines Lebens

2020-12-18 14:53

Sr. Christinas Berufungsgeschichte

Ich bin Sr. Christina Blätterbinder SSpS. Ich kann nicht beurteilen, ob meine Berufungsgeschichte spannend ist oder nicht. Aber es ist MEINE Geschichte und ich darf sie Ihnen heute erzählen:

In einer ländlich geprägten Gegend in Oberösterreich aufgewachsen, wurde ich in meiner Familie von Kindheit an katholisch geprägt. Glaube und Kirche waren ein selbstverständlicher Teil meines Lebens.

Rückblickend erscheint mir ein Erlebnis meiner frühen Kindheit recht spannend. Vielleicht war es ein erster Hinweis auf den Weg, den ich einmal einschlagen werde. Ich war 4 Jahre alt, als der rumänische Staatschef Nicolae Ceaușescu im Dezember 1989 erschossen wurde. In diesen Weihnachtstagen habe ich wahrscheinlich in der Kirche von Herodes und dem Kindermord in Bethlehem erfahren. Wie mir später erzählt wurde, habe ich damals meine Mutter gefragt „wer eigentlich böser war, Ceausescu oder König Herodes aus der Bibel“? Vielleicht war das damals, durch kindliche Augen, meine erste Frage nach weltweiter Gerechtigkeit und dem Leid in der Welt.

Schon seit meiner Volksschulzeit trage ich die Sehnsucht nach der weiten Welt in mir. Meine Lehrerin war damals gerade von einem Jahr in Südamerika zurück. Ich habe nur den Begriff „Entwicklungshelferin“ aufgeschnappt und mir gedacht: „Das werde ich irgendwann auch mal!“, ohne damals natürlich irgendeine Ahnung zu haben, was das konkret bedeutet.

Auch in meiner Jugend habe ich den Glauben nie als schwer, einengend oder als Pflichterfüllung gesehen. Meine Heimatpfarre in Oberösterreich habe ich sehr offen und wertschätzend erlebt. Ich bin am Sonntag gerne zum Gottesdienst gegangen, war in der Katholischen Jungschar und Jugend engagiert und gemeinsam mit meinen Geschwistern auch fleißig beim Ministrieren.

Nach meiner Matura wollte ich das Leben in der Großstadt kennenlernen. So bin ich gemeinsam mit einer Freundin zum Studium nach Wien gegangen und habe mich fürs Theologiestudium eingeschrieben.

Das Studium hat mir von Anfang an Freude gemacht, weil ich es als sehr vielschichtig empfunden habe. Dabei habe ich spannende Menschen kennengelernt, die meinen weiteren Lebensweg entscheidend geprägt haben. Einige Studienkollegen waren Steyler Missionare aus aller Welt, die zu dieser Zeit in Wien in einer internationalen Studentenkommunität gelebt haben. Bei einer gemeinsamen Messfeier mit ihnen wurde mir das erste Mal bewusst, wie weit die Welt ist und wie bereichernd ein solch interkulturelles Zusammenleben sein kann. So wurden die ersten Funken der Begeisterung für die Steyler Spiritualität in mein Herz gelegt.

Ungefähr zur selben Zeit durfte ich eine andere prägende Erfahrung machen. Ich habe die Möglichkeit wahrgenommen, während meines Studiums an einer dreiwöchigen Exkursion auf die Philippinen teilzunehmen. Der Name des Austauschprojekts „Sandiwaan“ (one spirit/ ein Geist) unterstreicht die Richtung, in die es gehen sollte: Das Ziel war, uns Studierenden die Theologie aus der Perspektive der Unterdrückten und Marginalisierten („theology of struggle“) nahezubringen. Ich war das erste Mal außerhalb Europas und habe meine Komfortzone verlassen, um mit Menschen zu leben, die extremer Armut ausgesetzt waren. Wir haben in der Hauptstadt einen Müllberg riesigen Ausmaßes besucht, in dessen Mitte sich viele Familien angesiedelt hatten. Die Arbeit der Eltern und leider oft auch die Arbeit der Kinder war, den Müll zu sortieren und wertvolle Fundstücke wie z.B. Kabel und Elektroteile zu finden, um sie noch mit kleinem Gewinn weiterzuverkaufen. Armut und inmitten darin frohes Kinderlachen, Ungerechtigkeit, neokoloniale Ausbeutung und trotzdem so viel Schönheit, Offenheit und Herzlichkeit der Menschen - das sind Gegensätze, die sich in mir eingebrannt haben: Wie kann dieses Leid in der Welt existieren? Wie kann Gott solche Ungerechtigkeiten zulassen? Diese Fragen sollten mich nicht mehr loslassen.

Nach dem Ende meines Studiums habe ich in einer Wiener Pfarre als Pastoralassistentin gearbeitet. Es verlief alles in geordneten Bahnen, doch ganz glücklich war ich damit nicht. Es fehlte etwas.

Ich hatte schon mehrere Jahre einen Folder über den Steyler Freiwilligendienst Missionarin auf Zeit (MaZ) in meinem Nachtkästchen liegen. Allerdings habe ich immer gedacht: „Das wird sowieso nichts. Da bin ich schon zu alt dafür. So etwas zu machen, hätte ich mir wirklich früher überlegen sollen.“ Doch die Stimme der Vernunft nutzt nicht viel, wenn das Herz eigene Wege einschlägt.

So bin ich meiner Sehnsucht hinaus in die Welt gefolgt, die ich schon so lange in mir getragen habe. Nach meinem ersten Arbeitsjahr in der Pfarre habe ich den MaZ-Einsatz mit den Steyler Missionsschwestern absolviert und war ein Jahr lang in Westafrika. Zusammen mit einer Steyler Missionsschwester habe ich im Norden von Benin im Pfarrgebiet von Sonaholou eine ‚Basisgemeinde‘ namens „Sonate“ betreut. Wir haben uns Woche für Woche mit den Gemeindemitgliedern auf dem Dorfplatz getroffen. Zentraler Bestandteil der Treffen war es, gemeinsam das Evangelium zu lesen und darüber zu sprechen, was das Wort Gottes mit dem persönlichen Alltag zu tun hat. Als ‚Missionarin auf Zeit‘ habe ich die Missionsschwestern vor Ort kennengelernt und war tief beeindruckt. Ich habe gesehen, was die Schwestern dort leisten, wie eng sie mit den Menschen zusammenarbeiten. Doch selbst einmal in diese Gemeinschaft einzutreten, war auch damals noch keine realistische Option für mich.

Zurück in Österreich hatte mich der Alltag rasch wieder in seiner Hand. Und trotzdem: Eine gewisse Unruhe blieb, die Erfahrungen in Benin haben in mir gearbeitet und einen Frageprozess in Gang gesetzt: Sollte Gott wirklich mich zum Ordensleben berufen? Mich, die gerne viel redet, die es liebt, bunte Gewänder zu tragen und die im Gebetsleben nicht unbedingt geübt war? Diese Fragen waren eher ein leises, aber konsequentes Säuseln - wie eine „Stimme verschwebenden Schweigens“ (Martin Buber) … es war der Heilige Geist, der mich gestreift und nicht mehr losgelassen hat, wie ich heute gerne sage.

Der Schritt, mit 27 Jahren bei den Steyler Missionsschwestern, den Dienerinnen des Heiligen Geistes einzutreten, war nicht einfach. Es war wahrscheinlich die mutigste Entscheidung meines Lebens. Aber ich wollte nicht im Alter irgendwann dastehen und mir denken: Hätt‘ ich’s doch probiert!

Ich habe mich für ein Leben als Missionsschwester entschieden, trotz des starken Gegenwinds. Ich hatte damals wirklich den Eindruck, dass ich gegen den Strom der Mehrheitsgesellschaft schwimme, wenn ich diesen Schritt gehe. Die Bandbreite der Reaktionen war von ‚Wie kannst du das machen?‘ bis zu ‘Wow, du bist mutig‘.

Heute, gut acht Jahre später, bereite ich mich auf dem Weg zur Ewigen Profess darauf vor, zum vierten Mal meine zeitlichen Gelübde abzulegen.

Nach dem Postulat und dem Noviziat, das ich zum Teil in Rom verbracht habe, lebe ich heute in Innsbruck. Ich arbeite als Pastoralassistentin mit Menschen mit Unterstützungsbedarf und bin außerdem für unseren Steyler Freiwilligendienst ‚MaZ‘ (Missionarin/ Missionar auf Zeit) zuständig. Das Zusammenleben mit meinen vier Mitschwestern, die aus Indonesien, Südtirol und Rumänien stammen und zwischen 36 und 75 Jahre alt sind, empfinde ich als Bereicherung. Sicher ist es auch eine Herausforderung und manchmal bleiben auch Konflikte nicht aus. Aber man bekommt in so einer bunten Gemeinschaft auch ganz viel geschenkt. Uns verbindet zum Beispiel unser Humor, dass wir gemeinsam lachen können. Und auch wenn man einmal ein wenig Abstand braucht, weiß man letztlich, dass man aus derselben geistigen Quelle schöpft.

Ich bin überzeugt davon, dass unser interkulturelles und intergenerationelles Zusammenleben ein prophetisches Zeichen in dieser Welt sein kann. In einer Gesellschaft, die immer mehr auseinanderzufallen droht, stehen wir für die eine Welt.

Trotz Corona, trotz Klima- und Flüchtlingskrise lässt mich die Überzeugung, dass wir alle zusammengehören, meinen Weg weitergehen.

Arnold Janssen, der Gründer unserer Gemeinschaft hat das einmal so ausgedrückt:

Wenn wir alles tun, was in unserer Macht steht, dann tut Gott das Übrige!

Sr. Christina SSpS

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