Ein Augenblick in Japan

2017-11-14 11:42

Sr.Anna Damas berichtet...

Der Flug von Port Moresby, der Hauptstadt Papua-Neuguineas, nach Tokyo dauert “nur” sieben Stunden. Unterwegs überquert man nicht nur den geographischen, sondern auch den kulturellen Äquator. Japan ist in so mancher Hinsicht das Gegenteil Papua-Neuguineas.
Unsere Schwestern in Japan hatten mich eingeladen, ein Seminar zum Thema “Interkulturelle Kommunikation” zu geben. Unterschiedliche Kulturen haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was im Leben wichtig ist, was gutes Benehmen ausmacht, wie man sich im Konfliktfall verhalten soll, wie Autorität ausgeübt wird usw. Was passiert nun, wenn Menschen verschiedener Kulturen aufeinandertreffen? Da gibt es Stolpersteine im Umgang miteinander, aber auch die Gelegenheit, den eigenen Kultur- und Werte-Horizont zu erweitern.
Die große Mehrheit der Japaner sind Buddhisten oder Shintoisten. Ich war völlig überrascht, wie lebendig Religion und Religiosität in Japan sind. Ein Land, in dem jeder Quadratmeter bebaut, das Leben industrialisiert und technisiert ist, und in dem sogar die Toiletten ans Stromnetz angeschlossen sind und automatisch funktionieren – in einem solchen Land, hatte ich mir vorgestellt, ist Religion längst als vormodernes Überbleibsel ausgemustert.
Großer Irrtum! Die Shinto-Schreine und buddhistischen Tempel schwirren von Betern, Pilgern, Priestern, Tempel-jungfrauen, Mönchen und Nonnen. Als Katholikin fühlt man sich gleich zuhause angesichts der vielen Statuen, Lichter, Opferstöcke, Gebetsglöckchen und Votivtafeln. Autosegnungen gibt es auch.
Überhaupt war der Besuch in Japan für mich als Deutsche ein Blick in den Spiegel. Was man uns Deutschen nachsagt: Disziplin, Obrigkeitsdenken, Fleiß und Perfektion – das alles sah ich in Japan wie in einem Vergrößerungsglas.
Ich verstehe jetzt viel besser, wie unsere deutsche Kultur auf Ausländer wirken kann: wahlweise zum Staunen und zum Schmunzeln.
Und das ist wohl immer so, wenn man Bekanntschaft mit einer fremden Kultur macht: Man schaut in den Spiegel. Und man erkennt sich darin mit den eigenen annehmbaren und unangenehmen kulturellen Seiten. So wie die Königin, Schneewittchen und die Hexe: Spieglein, Spieglein an der Wand....

Sr.Anna Damas, SSpS

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