110 Jahre Treue – Was für ein Aufwand?

2021-06-10 13:22

Wieviel, nach menschlichen Maßstäben gemessen, seid Ihr beide diesem Christus wert, dass er nicht lockergelassen hat, Euch zu rufen? Aus der Festpredigt von P. Sepp:

Eigentlich könnt Ihr stolz sein: Ihr könnt auf 50 und 60 Jahre Treue zurückschauen.   Aber wenn man das genau betrachtet: Feiern wir heute Eure Lebensleistung?

Natürlich sind solche Feiern Gelegenheiten, zurückzuschauen, Eckpunkte herauszustreichen, Erfolge anzuführen, auch sich Misserfolge einzugestehen. Dabei mag sich auch ein – durchaus berechtigter – Stolz breitmachen.

Diese und jene Schule in Neuguinea, würde heute ohne Dein Engagement, Sr. Katrin, nicht so gut dastehen; Tausenden, ja Abertausenden Kindern und Jugendlichen hast Du die Welt der Bildung, und damit einen Weg in eine bessere Zukunft erschlossen.

Tausende, Abertausende Frauen, Männer und Kinder in Ghana verdanken Dir, Schwester Berta, dass sie gesund geworden sind, ja dass sie durch dich am Leben geblieben sind. – Euer Leben also eine Erfolgsstory, eine stolze Bilanz?

Wir sind aber wohl heute nicht hier zusammengekommen, um Eure Verdienste aufzuzählen. Um es krass zu sagen: Wir haben uns hier in der Kirche nicht zu Eurem Lob versammelt. Wir feiern Eucharistie, singen also das Lob Gottes. Damit tut sich die Frage auf, inwiefern denn Euer Leben dazu dienen kann, Gott zu loben, zu fragen, inwiefern Euer Tun und Leben Gott zur Ehre gereicht?

Schön, Ihr habt Eure Gelübde gehalten, seid – recht und schlecht, wie nun einmal unser Leben ist – dem treu geblieben, was Ihr vor 50 und 60 Jahren versprochen habt – womit wir aber wieder bei einem Leistungsdenken gelandet wären ...

Nein, wir feiern jetzt nicht Euer Durchhalten – das durchaus lobenswert ist und ich gar nicht kleinreden möchte – aber das ist es nicht, was uns heute bewegen muss: „Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt!“, haben wir im Evangelium gehört. Wir loben und danken Christus heute dafür, dass er Euch beide „in die Welt“ - ja buchstäblich in die weite Welt -  gesandt hat.

Um es konkret zu sagen: Da hat doch dieser Christus, der Gesalbte des Herrn, der Erlöser der Welt, der Sohn Gottes, zwei junge Frauen aus dem Pustertal in die Welt gesandt, zwei mehr oder weniger junge dumme Dinger bewogen, sich dazu, ich möchte fast sagen, verführen zu lassen.

Ja, Ihr beide habt den Ruf Christi vernommen, habt ihn gehört, seid ihm mehr oder weniger neugierig gefolgt, seid ihm, wenn ich‘s salopp sage: auf den Leim gegangen.

„Ruf Christi“: Das klingt so hochtrabend. Ich nehme nicht an, dass Ihr eine himmlische Stimme gehört habt, oder Euch gar ein Engel erschienen ist – da würden wir uns wohl an die Stirn greifen und nach einem Psychiater rufen. So „wundervoll“ – und damit unmenschlich, denn Wunder sind nicht menschlich – ruft dieser Christus nicht!

Ich wurde vor einiger Zeit gefragt, ob ich, wenn ich wählen könnte, wieder Priester werden würde, wieder alles genau so machen würde. Ich hab‘ gesagt: Das weiß ich nicht! Wenn wir an die Anfänge unseres Weges zurückdenken, und ich denke, das geht Euch beiden genau so, dann sind da so viele, scheinbar unbedeutende kleine Begebenheiten, Begegnungen, Bemerkungen, Nebensächlichkeiten, die alle dazu geführt haben, dass ich diesen Weg gegangen bin. Das heißt, dass ich Gottes Stimme, den Ruf Christi scheinbaren Zufälligkeiten, mehr oder weniger bedachten oder nur so dahingesagten Worten und Antworten zu verdanken habe. Das heißt: Wir verdanken so unheimlich vielen Menschen unsere Berufung!

Anders gesagt: da waren jede Menge Leute nötig, damit wir diesen Ruf vernehmen und ihm folgen konnten und können, und, so müssen wir wohl sagen: folgen durften und dürfen.

Was für ein Aufwand war wohl nötig, wen alles hat Christus in Bewegung gesetzt, um sich ausgerechnet bei Euch beiden bemerkbar zu machen? Wieviel, nach menschlichen Maßstäben gemessen, seid Ihr beide diesem Christus wert, dass er nicht lockergelassen hat, Euch zu rufen?

Das, meine ich, ist das Wunderbare an unserer Berufung: Christus will und kann uns regelrecht brauchen, trotz all der Mängel, trotz all der Fehler und Schwächen. Dafür sei er gelobt! Dafür wollen wir ihm heute danken, ihn lobpreisen!

Nein, nicht nur einem hl. Paulus, nicht nur seinen Aposteln, nicht nur einem heiligen Arnold, nicht nur einer seligen Helena Stollenwerk traut er zu, sein Werk weiterzuführen, nicht nur diesen „Großen“, sondern auch uns, dir und mir, ja Euch beiden traute er sogar zu, sein Reich in fernsten Ländern zu verwirklichen. Weil Christus in Euren Herzen Wohnung genommen hat, seid Ihr, so darf ich den Satz aus der Lesung auf Euch ummünzen, fähig geworden, die Höhe und Tiefe seiner Liebe und Wertschätzung, seines Rufes zu ermessen.

St. Exupery schreibt einmal: „Nun ist der Lehm, aus dem du gemacht bist, eingetrocknet und hart, nun kann das göttliche Spiel in dir nicht mehr zum Klingen erwachen.“ – Seien wir ehrlich, das Leben, auch das Ordensleben, kann so voller Schwierigkeiten und Probleme sein, kann uns mit so vielen Schicksalen konfrontieren, dass dieser Lehm Gefahr läuft, tatsächlich zu erstarren. Ich wünsche Euch, dass Euch das nicht passiert, dass der Lehm, aus dem Ihr gemacht seid, immer so beweglich bleibt, dass dieses Spiel Gottes in Euch immer neu erklingen kann!  

Ich darf mit einem Gebet von Hans Küng schließen:

Unser Leben ist kurz, unser Leben ist lang. Und voll Staunen stehe ich vor einem Leben, das seine unerwarteten Wendungen und seine Geradlinigkeit hatte … ein Leben, von dem ich heute sagen darf: So war es gut.

Ich danke Dir, Unfasslicher, Allumfassender und alles Durchwaltender, Urgrund, Urhalt und Ursinn unseres Seins, den wir Gott nennen … Ich danke dir für dieses Leben mit allem Unerklärlichen und Seltsamen. Ich danke dir für all die Erfahrungen, die hellen und die dunklen … Ich danke dir, mein Gott, denn du bist freundlich und deine Güte währet ewig.

P. Sepp

 

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