MBB-Rundbrief aus Rom - Was ist eigentlich privat?

2022-02-24 15:49

oder: Was Nähe mit uns macht

Jede Mutter schläft mit ihrem Kleinkind/ihren Kleinkindern in einem gemeinsamen kleinen Zimmer und teilt sich mit einer anderen Familie ein kleines Bad. Küche, Spielzimmer und Flur putzen die drei bis vier Familien zusammen. Ihr Leben verbringen Mütter und Kinder die ganze Woche miteinander und mit den Hauptamtlichen, Freiwilligen, Unipraktikant*innen und Zivildiener*innen. Alles in allem eine bunte Mischung von Menschen zwischen 18 Monaten und 60 Jahren aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Der Rückzu gsraum der Kleinfamilien ist dabei gering und so wird vieles gemeinsam durchlebt: Leben mit seinen alltäglichen schönen und herausfordernden Momenten: gemeinsames Essen und Küche aufräumen, mit den Kindern spielen und sie ins Bett bringen, Weihnachten und Geburtstage feiern, das Warten während einer Schwangerschaft und auf Gerichtsentscheidungen, Suchen, Finden und Verlust des Arbeitsplatzes, Coronaquarantäne.

In dieser Nähe zeigt sich für mich viel von dem, was für mich Mensch Sein und Leben ausmacht, was es bunt, abwechslungsreich und schön macht: Miteinander, Beziehungen, Offenheit, Interesse, Internationalität. Faszinierend ist für mich, wie schnell die Kinder untereinander in Kontakt kommen, voneinander lernen und wie sie sich auch auf uns mit unseren jeweiligen Persönlichkeiten, Vorstellungen und Spielen einlassen. Spannend und herausfordernd finde ich, wie aufmerksam sensible und heikle Themen und Fragen in diesem Setting wahrgenommen werden und auf den Tisch kommen. Sehr beeindruckt bin ich, wie offen nicht nur die Kinder, sondern auch die Mütter mit den vielen Menschen umgehen, die in ihr Leben kommen. Sie teilen mit uns ihre Geschichten und Kochkünste, gehen Beziehungen ein und vertrauen uns ihre Kinder an. Schließlich suchen sich die Mütter weder die Einrichtung mit ihren hauptamtlichen und freiwilligen Mitarbeiter*innen noch ihre Mitbewohner*innen selbst aus. Zugleich lassen sie sich immer wieder auf Beziehungen auf Zeit ein, da entweder ihre Wohnzeit oder die Einsatzzeit der Mitarbeiter*innen endet.

So bringt dieses einander ausgesetzt sein auch große Herausforderungen mit sich: Die ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Vorgeschichten und Voraussetzungen, die die Kleinfamilien, aber auch wir mitbringen, die verschiedenen Bedürfnisse und Vorstellungen führen auf s o engen Raum auch zu Diskussionen und Konflikten. Neben den Diskussionen, die viele wohl auch aus der eigenen WG und Familie kennen (Putzpläne, Kindererziehung und vor allem Aufmerksamkeit…), werden die Ressourcen und Möglichkeiten, die unterschiedlich verteilt sind, besonders sichtbar:

Welche sozialen Beziehungen (Familie, Partner, Freundeskreis), Bildung und Arbeitsmöglichkeiten sind vorhanden? Welche finanziellen Möglichkeiten hat die Kleinfamilie bzw. ihr enges Umfeld? Mich beeindrucken die Lebensgeschichten sehr, in die ich in diesem Mikrokosmos Einblick bekomme, auch wenn der Beginn eine große Herausforderung war und ich einige Wochen gebraucht habe, um in dieser Einrichtung mit ihren Dynamiken so ganz anzukommen. Mittlerweile mag ich diesen Ort und die Menschen,die hier leben und arbeiten, sehr, sehr gerne, auch wenn ich weiterhin einige Veränderungsvorschläge hätte (z. B. weniger Handyvideos, mehr selber singen..

Insgesamt ist es eine für mich sehr eindrückliche Erfahrung, in der ich mich selbst besser kennenlerne und die mir sehr viel Freude macht. Sie lässt mich darüber hinaus fragen, was ich eigentlich (nicht) brauche und macht mich (in einem positiven Sinn) demütig vor dem, was Leben ist und mit sich bringen kann.

Alles, alles Liebe und Gute
aus Rom!
Katha(rina)

 

Was seit dem letzten Rundbrief sonst noch geschah…
#International-multikulturelles Weihnachtsfest im Generalat: Ausgelassene philippinische Partymusik trifft auf innige indische Melodien.
#Auszeit: Katha sucht ihre Visionen und 10 Tage Stille in der Zukunftswerkstatt in Innsbruck.
#Gewählt: Italien hat einen neuen (alten) Staatspräsident und die Steyler Missionsschwestern eine nigelnagelneue Madre Generale: Sr. Miriam Altenhofen SSpS.
#Corona: In der Weihnachtszeit mehrten sich leider auch in der Stadt Rom die positiven Fälle. Nun scheint sich aber auch hier die Lage zu entspannen.

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