„Zwischen Fylis und Smyrnis“ - SSpS sind ein Hoffnungszeichen

2017-12-11 10:11

Beinahe schon adventlich war für mich der Besuch bei unseren Schwestern in Athen Mitte November. Adventlich einerseits im Sinne von: Erleben, was Warten heißen kann, aber auch welchen Unterschied es macht, wenn man erwartet wird und andererseits im Sinne von: Hoffen auf ein Leben in Freiheit und Frieden sowie selber ein Hoffnungszeichen sein können.

Ein Hoffnungszeichen für und unter den Flüchtingen sind unsere Mitschwestern in Athen sicherlich.

Seit Mai dieses Jahres lebt eine kleine internationale Gemeinschaft von drei Steyler Missionsschwestern in Athen. Sie wurden dorthin gesandt, um mit den Flüchtlingen ihr Leben zu teilen und ihnen beizustehen, so gut sie können. Seither hat sich viel getan bei unseren Schwestern.

Der Wirkungsbereich von Sr. Clara (Indonesierin, vorher Missionarin in Spanien), Sr. Ada (aus Österreich) und Sr. Preethi (aus Indien) ist geografisch recht überschaubar. Er spielt sich in einem zum Teil recht heruntergekommenen Stadtteil von Athen ab. In der Smyrnis-Straße liegt das Jesuitenkolleg, mit angrenzender Kirche und Arrupe-Zentrum, das Lernnachhilfe für Kinder anbietet. Der 2. Stock des Hauses wurde vor zwei Jahren zu einem Flüchtlingsheim umgestaltet. Das so genannte "Shelter" wird vom JRS Ellada (Jesuitenflüchtlingsdienst in Griechenland) betrieben, bei dem unsere Schwestern mitarbeiten. Hier leben Familien, alleinstehende Mütter mit Kindern oder alleinstehende Frauen, allesamt aus Ländern des Mittleren Ostens (Syrien, Irak, Pakistan und Afghanistan). Sie alle haben es bereits geschafft, von den Auffanglagern auf den griechischen Inseln nach Athen zu kommen.

Im Shelter geht es lebhaft zu, weil besonders die vielen kleinen Kinder für Freude und positive Stimmung sorgen. Den Erwachsenen sieht man ihre Sorgen und Ängste eher an, zugleich spürt man auch eine ungeheure Lebenskraft und starken Willen, diese schwierige Situation zu meistern und für sich und ihre Kinder ein Leben in Freiheit und Sicherheit zu finden. Um dieses Ziel zu erreichen, nehmen die Flüchtlinge unglaubliche Strapazen in Kauf.

Sr. Clara und Sr. Preethi sind für das Alltagsleben der Flüchtlingsfamilien zuständig. Zusammen mit ein paar JRS-Mitarbeiterinnen und immer wieder wechselnden - zumeist jungen - Freiwilligen  kümmern sie sich um die Bedürfnisse und Anliegen der Leute. Zwischen 40 und 50 Flüchtlinge sind im 2. Stock untergebracht. Pro Familie stehen 1-2 kleine Zimmer entlang des langen Flurs zur Verfügung. Es gibt auch eine Küche, in der jede Familie ihre Mahlzeiten zubereiten kann und die somit auch den sozialen Treffpunkt schlechthin darstellt.

Sr. Ada folgt ganz ihrer Neigung als Krankenschwester und Hebamme. Sie verfügt über einen recht gut ausgestatteten Medikamentenschrank, ein Massagegerät und allerlei selbst hergestellte Naturheilmittel. Mit ihrer Jahrzehnte langen Erfahrung in unterschiedlichen Ländern und Kulturen, versteht sie es, Seele und Leib als Einheit zu sehen und auch den Glauben nicht außer Acht zu lassen, wenn sie sich um Kranke und Verwundete kümmert. Improvisation und Flexibilität sind dabei sehr oft angesagt. Ob jemand die Grippe erwischt hat oder unter den Nachwirkungen von Folter oder Krieg leidet, ob es eine hochschwangere oder eine alte verängstigte Frau zu behandeln gilt, Sr. Ada weiß zu improvisieren und findet meistens das passende Mittel, um zumindest Linderung zu verschaffen.

Ein wichtiger, wenn nicht überhaupt der wesentliche Dienst der Schwestern ist tatsächlich, den Leuten durch ihre Präsenz ein wenig das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln. Für Menschen auf der Flucht bedeutet es viel, dass jemand Anteil nimmt an ihrer Situation und ein offenes Ohr hat für ihre schlimmen Erfahrungen und Fluchtgeschichten - und deren hören die Schwestern viele. Als besonders wertvoll erweist es sich, dass Sr. Preethi, aufgrund ihrer bereits multikulturellen Erfahrung in ihrer indischen Heimat, einer ganzen Reihe von Sprachen mächtig ist. Sie kann sich mit vielen Flüchtlingsfamilien in deren Muttersprachen unterhalten! Sr. Clara wiederum hat ein großes Talent, mit den zahlreichen, vielfach noch sehr kleinen Kindern umzugehen und ihr musikalisches Talent wirkt anziehend und steckt zur Freude an. Überhaupt erhellen oft die Kinder mit ihrer Lebendigkeit, ihrer Neugier und ihrer unerschöpflich scheinenden Energie die Atmosphäre im Shelter.

Zudem sind die Schwestern Ansprechpartnerinnen für die meist jungen Freiwilligen, die dort für eine begrenzte Zeit mitarbeiten. Die Tür der Schwesternwohnung steht den VolontärInnen immer offen, ob sie nun gerade eine Gesprächspartnerin suchen, die mit ihnen die schwierigen Erfahrungen teilt, die ihr Dienst mit sich bringt oder ob sie sich einfach in die Stille der kleinen Kapelle zurückziehen wollen. Jeden Freitag sind die MitarbeiterInnen des JRS und die Freiwilligen zur gemeinsamen Eucharistiefeier und zu einem einfachen Mittagessen eingeladen, das die Schwestern vorbereiten.

Die Wohnung der Schwestern liegt ein paar Gehminuten vom Shelter entfernt in der Fylis-Straße, wo der JRS ein Haus angemietet hat, um die Büros unterbringen zu können. Auch hier leben ein paar Flüchtlingsfamilien. Die Umgebung zwischen Fylis und Smyrnis ist bunt: Geschäfte hauptsächlich von Migranten aus Pakistan, Bangladesch, Afghanistan, dazwischen ein griechischer Blumenladen, ein Gymnasium, und um die Ecke das Rotlichtviertel. Und immer wieder leerstehende, mitunter halb verfallene Häuser. An der Hauptstraße, die durch das Viertel verläuft, wohnen Flüchtlinge in einem alten, verlassenen Hotel. Es herrscht reges Leben auf den Straßen des Viertels bis spät in die Nacht hinein.

Im Shelter in der Symrnis sind übrigens auch Flüchtlinge willkommen, die in der Stadt verstreut wohnen. Sie bekommen hier sowohl psychologische als auch Rechtsberatung und können das Kleiderlager nützen. In der Flyis wiederum laden die Flüchtlinge, die dort wohnen nachmittags zum Tee ein, jeden, der kommen will, egal ob aus dem Shelter oder aus der Nachbarschaft.

Angesichts der Misere, die weiterhin in den Auffanglagern auf den griechischen Inseln herrscht, ist das Shelter und die Mitarbeit unserer Schwestern dort "ein Tropfen auf den heißen Stein", nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wie ich es erlebt haben, macht gerade dieser „Tropfen" einen Unterschied für die Leute, die dort für eine Zeit lang ein provisorisches Zuhause finden, bevor sie wieder weiterziehen.

"Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben." schreibt der Prophet Jeremia im „Brief an die Verbannten“ (Jer 29, 11) – Dieser Hoffnung ein Gesicht und ein Herz zu geben, sehen die drei Steyler Missionsschwestern in Athen als ihren gegenwärtigen Dienst an.

Sr. Hemma Jaschke SSpS

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