1000 Jahre St. Koloman - 100 Jahre SSpS in Österreich

tl_files/missionsschwestern/file_uploads/Logos/treueimwandel_web2.jpgSt. Koloman im Wandel der Zeit

,Klösterl' nannten die Stockerauer das einstöckige Wohnhaus in einem verwilderten Gartengelände an der westlichen Ausfallsstraße der Stadt - letzte Überreste eines prächtigen Franziskanerklosters an der Marterstätte des hl. Koloman, der 1012 an dieser Stelle als vermeintlicher Spion an einem Holunderbaum gehenkt worden war. 1784 hob Josef II. das Kloster auf, das zunächst als Kaserne, dann als Seifenfabrik diente und schließlich ganz verfiel.

Von der Maas an die Donau

Mit Unterstützung der Steyler Patres „Gesellschaft des Göttlichen Wortes" (SVD), die bereits 1889 in Mödling bei Wien das Missionshaus St. Gabriel eröffnet hatten, erwarben 1911 die Steyler Missionsschwestern das Anwesen, um in der Donaumonarchie ein neues Noviziatshaus errichten, nachdem das Mutterhaus in Steyl (NL) schon viel zu eng geworden war.

Nach den notwendigsten Instandsetzungen bezogen am 19. April 1912 die ersten drei „blauen Schwestern" das Klösterl, und bald darauf trafen auch die ersten sieben Postulantinnen ein. Äußerste Armut und Mühsal begleiteten den Anfang. Ein Neubau war unumgänglich. Am 17. Juli 1912, genau am 900. Todestag des Lokalpatrons, fand die Grundsteinlegung statt, am 13. Oktober 1913 folgte die Einweihung des neuen St. Koloman-Klosters, das damals nur einen Trakt umfasste.

Wenig später brach der Erste Weltkrieg aus. Statt in die Mission zogen die Schwestern in die Lazarette der Donaumonarchie. Auch im neuen Kloster in Stockerau wurden Verwundete und Kriegsgefangene untergebracht. Vom Mutterhaus Steyl kamen insgesamt über zweihundert Schwestern, die auf ihre Ausbildung für die Mission verzichten mussten, um Pocken- und Typhuskranke und Kriegsinvalide zu pflegen.

Die weite Entfernung zwischen Steyl und Wien und die große Zahl der Schwestern veranlasste 1917 die Ordensleitung in Steyl, Osterreich zu einer selbständigen Ordensprovinz zu erklären. Sie umfasste sechs Gemeinschaften in Österreich  sowie je eine in Schlesien und Ungarn. Sitz der Ordensleitung wurde das St. Koloman-Kloster.

Nach Ende des Krieges kamen die Schwestern aus den Lazaretten zurück - mit Ausnahme vom Kriegsspital in der Gassergasse (5.Bezirk), aus dem sich später das bekannte Orthopädische Spital entwickelte. Im St. Philomena-Kloster (10. Bezirk, heute Dreifaltigkeitskloster) entfaltete die schon vor Kriegsausbruch etablierte Gemeinschaft eine vielfältige Seelsorgetätigkeit, vor allem durch Exerzitien für Laien.

Obwohl Not, Hunger und Krankheiten so manche junge Schwester dahinrafften, traten bereits 1919 die ersten vier Missionarinnen die Reise nach Übersee an. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges stieg die Zahl der von St. Koloman ausgesandten Schwestern auf über zweihundert. Davon stammten allerdings viele aus Deutschland, Schlesien, Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei.

In Stockerau eröffneten die Schwestern einen Kindergarten, machten ihre Kapelle den Bewohnern der Umgebung zugänglich und kümmerten sich nach den Gottesdiensten um die Kinder. Einige Schwestern begannen mit Hauskrankenpflege, andere übernahmen den Hort in der Pfarre. Ab 1926 fanden im Kloster Exerzitien und Einkehrtage für Laien statt. Wachsende Zahl der Ordensberufe und der Aufgaben ließen das Kloster bald zu klein werden. 1936 wird deshalb an der Nordseite ein Flügel mit einer großen neuen Kapelle und Schlafräumen für die Schwestern angebaut.

St. Koloman vom Ende des Krieges bis heute

Das Naziregime stoppte die blühende Kongregation. Jegliche Schultätigkeit wurde untersagt, die studierenden Schwestern konnten ihre Prüfungen nicht mehr ablegen, Ausreisen in die Missionen wurden unmöglich. Wie schon im Ersten Weltkrieg bildeten auch jetzt die Lazarette ihr Tätigkeitsfeld. Im September 1940 kam der Befehl, binnen weniger Tage St. Koloman zu räumen, das Umsiedlungslager für „Volksdeutsche" und Bürozentrale des Regimes wurde. Als die Nazis das Kloster räumen mussten, wurde es zur Plünderung frei gegeben.

Nach Kriegsende erhielten die Schwestern das verwüstete Kloster zurück. Im Garten standen zwei Baracken und ein Bunker mit meterdicken Betonmauern. Hart wie Beton war auch die Erde und musste erst mit der Spitzhacke wieder „urbar" gemacht werden. Kaum war das Haus einigermaßen bewohnbar, beanspruchten die Russen, in deren Besatzungszone Stockerau lag, den Altbau als Lazarett. Die Schwestern durften im neuen Trakt bleiben und waren so vor Übergriffen der umherstreunenden Soldaten beschützt.

Im Herbst 1946 verließen die Russen St. Koloman, und die Schwestern konnten endlich ihre eigentlichen Aufgaben wieder aufnehmen. 1947 reisten die ersten fünf Neumissionarinnen aus. Seither haben über 130 Schwestern aus Österreich und Südtirol, das ebenfalls zur österreichischen Ordensprovinz gehört, das Missionskreuz erhalten. Etliche davon hatte einen zeitbegrenzten Einsatz, um nach ihrer Rückkehr neue Aufgaben in der Heimatprovinz zu übernehmen. Andere mussten aus gesundheits- oder Altergründen ihr Wirkungsfeld verlassen. Bis heute ist St. Koloman Sitz der Provinzleitung und damit auch organisatorisches und spirituelles Zentrum der österreichischen Gemeinschaften.

Um den Schwestern nach arbeitsreichen Jahren einen ruhigen Lebensabend zu ermöglichen, wurde 1976 ein neuer Trakt an der Südseite des Altbaus errichtet. 2006 wurde das ganze erste Stockwerk fachgerecht als Pflegeabteilung für ältere und kränkliche Schwestern ausgebaut. Untätig sind die meisten aber auch jetzt noch nicht, denn eine Hausgemeinschaft mit etwa 80 Mitgliedern braucht viele helfende Hände ‑ so manche Schwester, die eifrig in Haus und Garten werkt, blickt auf ihren Siebziger oder gar Achtziger zurück. Und wenn das Arbeiten zu beschwerlich wird, falten sich die Hände zu beharrlichem Gebet für Kirche und Welt, für Freunde und Wohltäter.

Sr. Maria Petra Schüttenkopf SSpS

 

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