„Du bist nicht allein“ – Unterwegs mit Sr. Hemma im Canisibus

Jeden Abend hält der Canisibus der Caritas Wien an fixen Stationen in der Stadt – pünktlich, verlässlich, 365 Tage im Jahr. Für viele ist er mehr als eine Stelle für Essensausgabe: Er ist ein Ort der Begegnung und ein Stück Halt im oft haltlosen Alltag. Eine, die seit über 20 Jahren regelmäßig mitfährt, ist die Steyler Missionarin Sr. Hemma Jaschke.

Es ist ein kühler Abend in Wien, kurz vor acht. Unter der Friedensbrücke glitzern die Lichter im Wasser, die Straßenbahn rumpelt vorbei. Der weiße Canisibus rollt an seinen Platz, der Motor verstummt. Sr. Hemma steigt aus, zieht den Mantel enger um sich und beginnt, Kisten zu öffnen. Der Duft von frisch gekochter Gemüsesuppe steigt in die Luft. „Gleich wissen sie, dass wir da sind“, sagt sie und lächelt. Ihre Hände arbeiten routiniert: Becher stapeln, Kellen bereitlegen, Brot aus den Säcken holen. In wenigen Minuten wird sich vor dem Bus eine Schlange bilden – Männer in Arbeitskleidung, Frauen mit Plastiktüten, Menschen mit Rucksäcken, Jugendliche vom nahegelegenen Skatepark. „Pünktlichkeit ist alles“, erklärt die Steyler Missionarin. „Unsere Gäste verlassen sich darauf, dass wir zu dieser Uhrzeit hier sind. Für viele ist das der einzige Fixpunkt im Tag.“

Ein Bus, der mehr bringt als Suppe

Der Canisibus ist ein Angebot der Wohnungslosenhilfe der Caritas Wien. Zwei Busse fahren jeden Abend zu insgesamt acht Stationen in der Stadt. Dort gibt es eine heiße Suppe, Brot, manchmal Obst oder Süßigkeiten – alles kostenlos, keine Fragen, keine Formalitäten. „Wer kommt, bekommt etwas. Egal, warum er hier ist“, sagt Sr. Hemma. Die meisten sind Menschen ohne festen Wohnsitz, einige verdienen so wenig, dass das Geld nicht bis zum Monatsende reicht. Hin und wieder stehen auch Tourist:innen in der Schlange – neugierig oder hungrig – oder Schüler:innen, die beim Skaten Hunger bekommen haben. Doch der Bus liefert mehr als Essen. „Das Wichtigste ist oft ein Blick, ein Lächeln, ein kurzes Gespräch. Viele Menschen hier werden den ganzen Tag von niemandem angesprochen – außer, wenn sie stören.“

Die ersten Gäste

Ein älterer Mann mit wettergegerbtem Gesicht tritt nach vorne. „Grüß dich, Schwester“, sagt er. „Wie immer zwei Brote.“ Sr. Hemma füllt den Becher und legt die Scheiben dazu. Dahinter wartet ein junger Mann, noch in der orangefarbenen Arbeitsjacke, die Ärmel voller Staub. „Direkt von der Baustelle“, sagt er, als sei es eine Erklärung. „Viele unserer Gäste arbeiten, aber es reicht einfach nicht. Dann ist die Suppe oft die einzige richtige Mahlzeit am Tag“, erklärt Sr. Hemma, während sie schöpft. Zwischen den Wartenden taucht eine Gruppe Jugendlicher auf. Einer ruft lachend: „Gibt’s heute Süßes?“ Sr. Hemma nickt. „Aber nur, wenn du auch Suppe nimmst.“ Der Junge lacht, nimmt beides – und bedankt sich.

Mehr als Essen: kleine Hilfen, große Wirkung

An den Stationen wird nicht nur Essen ausgegeben. „Wir haben Listen mit Notschlafstellen, können dort anrufen, wenn jemand einen Platz braucht. Manchmal verweisen wir auf den Medizinbus oder geben ein Pflaster. Das klingt klein, kann aber für jemanden den ganzen Unterschied machen.“ Die festen Zeiten und Orte sind ein zentrales Element. „Menschen ohne Tagesstruktur brauchen Verlässlichkeit. Sie wissen: Um diese Uhrzeit steht jemand da, den sie kennen.“

Jede Station hat ihre eigene Welt

In Floridsdorf, erzählt Sr. Hemma, sei es oft wie ein Stammtisch im Wirtshaus. „Alle kennen sich, es wird viel gescherzt.“ Am Karlsplatz hingegen ist die Situation schwieriger. „Dort sind viele, die Drogen nehmen. Da muss man anders auftreten – ruhiger, vorsichtiger.“ Die Gäste spiegeln gesellschaftliche Veränderungen wider. 2015, während der Flüchtlingsbewegung, versorgte der Canisibus syrische Familien am Westbahnhof. Später kamen viele Ukrainer:innen, oft mit Kindern. Heute sind es häufig Männer aus Südosteuropa, die direkt von der Arbeit kommen. Herausforderungen gibt es – Alkohol, Drogen, psychische Erkrankungen. „Fingerspitzengefühl ist wichtig. Gewalt habe ich in 20 Jahren vielleicht zweimal erlebt“, sagt Sr. Hemma. „Und oft sind unsere Gäste disziplinierter als Gäste in einem Luxusrestaurant. Viele nehmen nur, was sie brauchen, damit für andere noch genug bleibt.“ Sie erzählt von einer Frau, die selbst kaum etwas hat, aber Suppe für andere mitnimmt. „Das ist Solidarität, wie man sie sich nur wünschen kann.“

Warum Sr. Hemma hier ist

Ihre Motivation hat mit ihrer Ordensausbildung zu tun. „Damals habe ich in einer Obdachloseneinrichtung gearbeitet. Das Thema ‚Zuhause‘ lässt mich nicht los. Einen Ort, an dem jemand auf dich wartet – das sollte jeder Mensch haben.“ Für sie ist der Canisibus gelebtes Evangelium. „Nicht wegschauen, sondern hinsehen – das ist der Kern der Geschichte vom barmherzigen Samariter. Jeder kann jemandem zum Nächsten werden.“ Viele Schicksale wiederholen sich: Jobverlust, Scheidung, Krankheit – und plötzlich steht man ohne Wohnung da. „Es kann jeden treffen“, sagt sie. Unter den Gästen sind Akademiker:innen, Handwerker:innen, Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen. Sie erzählt von einem Lkw-Fahrer, der kurz vor Weihnachten an der Grenze festsaß. „Er kam nur einmal zum Bus. Er erzählte, dass er nicht zu seiner Familie konnte, und er brach in Tränen aus. Solche Momente vergisst man nicht.“ Manche Begegnungen dauern nur Sekunden, andere enden in langen Gesprächen. „Wir haben einen Gast, den nennen wir den Philosophen. Mit dem kannst du stundenlang über Literatur und Religion reden.“ Sechs Ehrenamtliche sind pro Abend im Einsatz – von Studierenden bis zu pensionierten Ärzt:innen. „Es gibt auch Leute, die selbst Armut erlebt haben und jetzt etwas zurückgeben wollen.“ Sr. Hemmas Team besteht aus zwei Pensionist:innen, beide früher an der Uni tätig. „Das verbindet – wir teilen die Leidenschaft für diese Arbeit.“

Was sie sich wünscht

„Am liebsten wäre mir, es gäbe den Canisibus nicht mehr, weil niemand ihn braucht“, sagt Sr. Hemma. „Bis dahin wünsche ich mir, dass alle in Österreich ein Leben in Würde führen können – mit Wohnung und gesicherter Grundversorgung. Nicht im Überfluss, aber ohne die tägliche Angst, wie man über die Runden kommt.“ Die Suppe ist fast aufgebraucht, das Brot geht zu Ende. Sr. Hemma verabschiedet die letzten Gäste mit einem „Pass auf dich auf“. Der Bus fährt weiter zur nächsten Station, vorbei an erleuchteten Fenstern, hinter denen das Abendessen längst auf dem Tisch steht. „Wir geben nicht nur Suppe aus“, sagt sie, während sie einen neuen Becher füllt. „Wir geben ein Stück Hoffnung. Und wir zeigen: Du bist nicht allein.“

von Robert Sonnleitner