MaZ: „Ausbrechen aus meiner Komfortzone“

Auf den Philippinen ist für Charlotte das letzte Drittel ihrer Zeit als MaZ-Freiwillige angebrochen. In ihrem Rundbrief blickt sie dankbar auf die ersten Monate von 2026 und erzählt, was sie erlebt hat und erfahren durfte.

Während ich eng gedrängt zwischen ungefähr zwei Millionen Menschen stehe und grade meine erste Prozession miterlebe, realisiere ich, dass wir im neuen Jahr sind und gradewegs auf die größte philippinische Fiesta – das Sinulogfest – zulaufen. So schnell wie es kam, ist es nun schon wieder ewig her doch die Erinnerung an bunte Farben, Musik und Tänze hat sich in mein Herz eingebrannt. Mittlerweile haben wir Ostern gefeiert, vier weitere Monate voller Alltag und kleinen Ausflügen liegen hinter mir. Die Zeit verfliegt, aber weil ich in den ersten Monaten des neuen Jahres so viel erleben durfte, nehme ich euch noch mal mit rein.

In der zweiten Woche des Jahres haben wir Cebu City mitten in der neuntägigen Novena in Vorbereitung auf Sinulog verlassen und sind zu unserem Zwischensemiar auf die Nachbarinsel Negros aufgebrochen. Einerseits war es echt schade, denn ich hatte das erste Mal seit dem Taifun im November das Gefühl, dass die Stadt wieder aus ihrer Schockstarre und Trauer erwacht. Überall liefen die Lieder „Pit Senyor“ oder „I love Cebu“ hoch und runter, man sah des Öfteren Drum Corps (Trommelparaden) für den großen Tag üben und wir besuchten auch eine der Novena-Messen. Doch das Zwischenseminar tat auch sehr gut, denn wir hatten viel Zeit, uns über die bisherigen Erfahrungen auszutauschen. Es war erfrischend zu hören, dass viele von uns Freiwilligen mit ähnlichen Herausforderungen zu tun haben. Bei mir war es vor allem die Suche nach Freundschaften und einer Jugendgruppe. Doch diese Woche auf Negros hat mir viel Mut und neue Motivation gegeben, mehr Zeit mit den anderen Freiwilligen zu verbringen aber auch zwei Jugendgruppen kennenzulernen, sodass sich dieses Problem in den letzten Monaten langsam, aber sicher in Luft aufgelöst hat.

MaZ Philippinen Zeltstadt Taifun

Weil sich Sinulog natürlich niemand entgehen lassen wollte, sind wir zu zurückgefahren. Das Bild von uns Freiwilligen zusammengequetscht in einem offenen, schon etwas älterem typisch philippinischen Bus lässt mich immer noch schmunzeln. Samstag fand eine riesige Prozession statt. Mit zwei Millionen Menschen zogen wir durch die Straßen Cebus. Es wurde gebetet und gesungen. Dabei schwenkten die Menschen ihre Santo Ninõ Puppe. Doch mein Highlight war der Sonntag: überall strahlende, aufgeregte, glückliche Menschen und perfekt einstudierte Tänze in faszinierenden Kostümen zu einem akkurat abgestimmten Beat der Trommler. Faszinierend! Wir haben uns die Paraden mit einigen Freunden und zwei Schwestern vom Balkon der San Carlos University angeschaut, haben uns zwischendurch aber auch in die Massen getraut und wurden im Gesicht mit Farbe eingeschmiert. Abends waren wir auf einem kostenlosen Konzert und konnten ganz viele philippinische Künstler live sehen. Dieser Tag wird mir auf jeden Fall noch lange in Erinnerung bleiben und zählt schon jetzt zu einem der schönsten Tage in diesem Jahr hier.

Danach stand der Umzug zurück in unser Haus in San Pio an. Anfangs hatte ich Angst, mit der Umgebung des Taifuns konfrontiert zu werden, doch ich kann Gott sei Dank sagen, dass die Freude über die gewonnene Freiheit überwiegt, ich mich mittlerweile wieder richtig wohl fühle, es mit jedem Tag heimischer wird und wieder gut in einen neuen Alltag gefunden habe. Anfangs dachte ich, dass ich irgendwann so richtig angekommen bin, doch mit der Zeit habe ich gemerkt, dass Ankommen für mich kein Zustand, sondern eher ein dynamischer Prozess ist, der von Reflexion und dem Ausbrechen aus meiner Komfortzone geprägt ist. Und so werde ich in dem, was ich mache oder wo ich bin, sicherer.

MaZ Philippinen

Trotz all dieser Feierlichkeiten fühlt es sich nicht an, als ob man von Fest zu Fest lebt denn auch im Alltag wird es nicht langweilig. Meistens startet der Tag mit ein paar Guava-Marmeladen-Toasts oder Mango-Kokosnuss-Chiapudding. Die Fahrt zur Arbeit dauert seit dem Umzug echt lange da wir – wie alle – mitten in der Rushhour unterwegs sind. Auf Arbeit gehen wir dann durch die benachbarten Straßen und fragen die Kinder, ob sie mitkommen wollen. Das klappt mal besser, mal schlechter. Auch wenn der Arbeitsalltag gut durchstrukturiert ist, ist jeder Tag anders: Gab es auf der Straße Konflikte? Wer geht grade regelmäßig zur Schule? Wo sind die Eltern? Warum kommen manche Kinder nicht mehr? Wo sind sie? Vor allem nach den großen Festen hatten viele Familien genug Geld, um sich selbst zu ernähren, sodass nur wenige Kinder da waren. Einmal gab es Streit zwischen zwei Eltern, sodass die Tochter mit dem Vater verschwand und die Mutter sie seit Wochen nicht findet. Das war schon echt hart, nicht nur weil mir das Kind selbst ans Herz gewachsen ist und die Gruppe bereichert hat, sondern auch weil die Mutter rastlos nach ihr sucht und logischerweise keine Ruhe finden kann.

Sonst variiert die Anzahl grade zwischen 10-20 Kindern. Neben einigen schweren Situationen gibt es aber ganz viele wundervolle Momente: Ein kleiner Junge lernt grade sprechen und nennt grade jeden „Ate Lotte“. Es wurden zwei Babys geboren, so langsam werden sie aktiver und entdecken ihre Umwelt, was mich voll fasziniert. Mit einer Mutter gehe ich nach dem Mittag oft ihre Tochter vom Kindergarten abholen und freunde mich mehr und mehr mit ihr an. Wie die verschiedensten Kinder ticken, habe ich auch mit jedem Monat besser verstanden und weiß mittlerweile, wo ihre Stärken und Schwächen liegen.

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Wie schon in der Weihnachtszeit beschäftigen wir uns grade auch mit dem Hintergrund des Osterfestes. Wir haben Ostereier gemalt, mittels Ausmalbildern schauen wir uns die Ostergeschichte an oder verbinden das Fest mit lesen, schreiben oder rechnen. Mir macht es nach wie vor viel Spaß, mich auf die Vormittage mit den Kindern vorzubereiten, mir was Neues auszudenken und sie dann bei der Umsetzung zu unterstützen. Manchmal stellen wir aber auch einfach die Spielsachen oder Kartenspiele raus. Halb Zwölf ist dann aber schon wieder alles aufgeräumt und es wird gegessen.

Nach dem Mittagessen haben wir manchmal noch „mobile feeding“, was meint mit abgepacktem Reis und einer Beilage durch die Straßen zu gehen und an obdachlose Menschen zu verteilen. Manchmal ist es sehr eintönig und man legt das Essen einfach nur neben eine schlafende Person, es gibt aber auch Gruppen, die mich schon kennen und gerne mit mir quatschen. So fand ich das Mädchen mit ihrem Vater in einem anderen Stadtteil wieder, da ihnen in den Bergen das Geld ausging. Manchmal laufe ich neue Routen und bin einmal auf einen kleinen Jungen gestoßen, der unregelmäßig im Balay Samaritano ist. Als er mich erkannte, rannte er mir in einem Tempo und einem breiten Lächeln in die Arme, sodass ich fast umfiel. Die Menschen, egal aus welcher sozialen Schicht, sind hier so herzlich und zuvorkommend. Diese Lebensfreude ist ganz ansteckend 😉

Sonst treffe ich mich nachmittags gerne mit Freundinnen, bin zuhause kreativ, recherchiere und schreibe für Berichte, gehe zum kostenlosen Zumba auf der Straße oder koche gerne. Besonders letzteres habe ich total schätzen gelernt. Da wir ja jetzt alleine wohnen, haben wir einige ältere Schwestern eingeladen und wollen sie bekochen und ihnen zeigen, wie wir jetzt wohnen. Ansonsten waren die letzten Monate von einigen Erkältungen geprägt, aber auch einigen Wochenendausflügen, was meinen Atemwegen sehr gut tat denn hier in Cebu City steht der Smog.

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Mit unserer Organisation JPIC waren wir auf der Insel Bantayan nördlich Cebus und haben mit den dort gesponserten Familien ihre persönlichen Daten aktualisiert und zwei „community activities” durchgeführt. Mit Freunden waren wir bei Wasserfällen im Süden der Insel und in den Bergen wandern. In San Pio fand ein „family day“ statt; nach einer feierlichen Messe gab es ein großes Buffet auf dem Sportplatz und einige Aufführungen der Kinder, eines Chors und der

Mütter. Es war schön zu sehen, wie das Dorf langsam, aber sicher wieder zusammenwächst. In der darauffolgenden Woche wurde mein Geburtstag gefeiert. Irgendwie war der Tag total besonders, weil um 13 Uhr, mitten auf Arbeit, die Familie anrief, Freundinnen von zuhause nostalgische Videos schickten und es nach dem Mittagessen eine Torte für mich gab. Gleichzeitig war der Tag auch ganz normal, denn der tägliche Wahnsinn machte auch vor diesem Tag keinen Halt.

Die Schwestern in Bohol haben wir auch mal wieder besucht und kamen genau perfekt für die „Graduation“ der Sechst- und Zwölfklässler. Am nächsten Tag hat uns unsere Sprachlehrerin ihre Geburtsinsel gezeigt. Egal ob Berge oder Meer, ich genieße die Natur hier total und bin jedes Mal wieder von ihrer Vielseitigkeit beeindruckt. In diesen Momenten wird mir immer wieder bewusst, was für ein Privileg es ist, die Zeit und finanziellen Mittel zu haben, aus der Stadt rauszukommen. Mir helfen diese Ausflüge total, Kraft für die Wochen zu tanken und zu entspannen. Grade nach dem Taifun hat mir das alles total viel Lebensfreude zurückgegeben. Der Weitblick erfüllt mich jedes Mal mit viel Dankbarkeit.

Schon jetzt weiß ich, dass es sich gelohnt hat, die schweren Momente auszuhalten, weil der Lohn doch so viel größer ist. Ich bin dankbar, dass Gott mich durch all diese Höhen und Tiefen begleitet und kann super zuversichtlich auf meine letzten vier Monate hier auf den Philippinen blicken. Mal schauen, wie ich in den kommenden vier Monaten persönlich wachsen darf, wann ich dazu lernen darf und wie mich all diese Erfahrungen dann Anfang August wieder mit nach Hause begleiten.

Bis dahin,
eure Charlotte